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Raum-Bindungen

«Das Auge ist ein Organ, auf das die Luft denselben Eindruck macht, wie mein Stock auf meine Hand» – sagt 1749 Denis Diderots Blinder in dem berühmten «Brief über die Blinden zum Gebrauch der Sehenden».
Die beigefügte Illustration zeigt einen Mann mit verbundenen Augen, der mit zwei Stöcken im Aussenraum umher tastet. Die Stäbe sind überkreuz geführt, wie Sehstrahlen in schematischen Abbildungen des Auges, die sich in der Linse kreuzen. Unseren Blick, wird der Psychoanalytiker Jacques Lacan mit Bezug auf Diderot später sagen, leiten unsichtbare Fäden im Raum, heften ihn am Objekt fest: eine wechselseitige Abhängigkeit.
Betreten wir einen Raum, dann werden wir an dieses architektonisch-materielle wie affektiv-immaterielle System angeschlossen. Aus unsichtbaren Linien, die sich an den Körper gebunden immer neu auswerfen und mit ihm verschieben, formt sich der individuelle Raum. Corina Bezzola hält sie fest, markiert sie. Anders als prominente künstlerische Positionen wie Anthony McCall oder Gregor Schneider oder jüngere wie Peter Welz oder Christoph Weber versucht Bezzola nicht, durch ihre Eingriffe Raum zu verändern oder in seiner dominanten Präsenz zu inszenieren. Sie vollzieht mit Bestimmtheit Raum-Bindungen nach. Mit Klebebändern interveniert sie in situ, erkundet die Adhäsionskraft, die den Raum zusammen hält. Dabei stößt sie auch auf jene Züge, die in den Raum von seinen Benutzern eingeschrieben sind. Durch Auseinandersetzung mit der Architektur, durch Bearbeitung von Interieurs zieht Bezzola, selbst vom raumbildenden Gewebe umfangen, Linien nach, erstellt ein Porträt des Raumes, der aus realen, symbolischen und imaginären Geschichten entsteht.
Das Material und seine eigene Ästhetik sind dabei wichtig, werden erkundet in Montagen aus Klebebändern. Nach der Intervention setzt die Fotografie den Werkprozess fort. Als zweidimensionale Bilder zeigen die grossformatigen Fotos noch einmal, anders als die Interventionen selbst, die Interdependenz sichtbarer und unsichtbarer Linien, die sich zum «räumenden» System verbinden. So wird erkennbar, dass Raum nicht eine Frage der Dreidimensionalität allein ist: er bildet sich aus Verbindungslinien mit Bildern, Vor- und Darstellungen.
Jens Emil Sennewald
Kunstkritiker, arbeitet in Paris mit seinem Büro «texte&tendenzen» für Zeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz.